Rechnet sich Prävention?

Cost-effectiveness of Prevention?

Baden-Württemberg hat sich zum Ziel gesetzt, Gesundheitsförderung und Prävention – neben Kuration, Rehabilitation und Pflege – als gleichberechtigte Säule des Gesundheitssystems zu etablieren.Jährlich werden in Baden-Württemberg für Prävention und Gesundheitsförderung rund 8,1 Mrd. € ausgegeben. Der Nutzen dieser Ausgaben besteht nicht nur in weniger Krankheit sondern auch in der Vermeidung von Krankheitskosten, in Produktivitätsgewinnen der Unternehmen und schließlich in einem höheren Einkommen pro Kopf. Prävention und Gesundheitsförderung lohnen sich: Unter dem Strich ist die Präventionsrendite positiv. Baden-Württemberg, the Southwest of Germany, aims to implement prevention and health promotion as equal pillar of the health system beside cure, rehabilitation, and long-term care. In Baden-Württemberg, the annual spending on prevention and health promotion is around € 8.1 billion. People benefit through it not only by less sick days but also by avoiding cost-of-illness, by productivity gains of enterprises, and as a result by higher incomes per capita. Prevention and health promotion are worth the efforts. At the final count a positive prevention return comes up.

Präventionsleistungen

Prävention und Gesundheitsförderung bestehen aus einem Portfolio verschiedener Leistungen (vgl. Abb. 1). Sie unterscheiden sich in ihrer Zielsetzung, ihrem Ansatz und ihrer Finanzierung. Auf Bevölkerungsebene zielt die Prävention auf eine Reduzierung der Krankheitslast und Behinderung sowie der Vermeidung von vorzeitigem Tod. Dies schließt einen möglichst langen Erhalt der Selbständigkeit im Alter mit ein. Stärkung der Gesundheitskompetenz und des Gesundheitsverhaltens sind dabei Präventionsziele auf individueller Ebene.

Abb. 1: Leistungen der Prävention und Gesundheitsförderung

Leistungen der Prävention und Gesundheitsförderung

Ausgaben für Prävention

Die Ausgaben für Prävention und Gesundheitsförderung lassen sich statistisch aus den bestehenden gesundheitsbezogenen Rechenwerken des Statistischen Bundesamtes und der Gesundheitswirtschaftlichen Gesamtrechnung ableiten. Zusätzlich benötigt man die entsprechenden Rechenwerke auf Landesebene.

Insgesamt können elf Leistungsbereiche der Prävention und Gesundheitsförderung unterschieden werden (vgl. Abb 1). Davon werden sieben vollständig oder teilweise durch die Krankenversicherung bzw. die öffentliche Hand finanziert. Sie zählen zum Kern des Gesundheitssystems. Darüber hinaus werden vier weitere Leistungsbereiche erfasst, die ausschließlich privat finanziert werden.

Die Berechnungen von BASYS zeigen, dass sich in Baden-Württemberg die Präventionsleistungen des Kernbereichs in Höhe von insgesamt 3,971 Mrd. € wie folgt aufteilen:

Allgemeiner Gesundheitsschutz 643 Mio. €
Gesundheitsförderung 427 Mio. €
Krankheitsfrüherkennung 376 Mio. €
Schwanger- und Mutterschaft 112 Mio. €
Vorsorge und Reha 1.753 Mio. €
Präventive Arzneimittel 447 Mio. €
Sonstige präventive Leistungen 213 Mio. €

Im Erweiterten Bereich des Gesundheitssystems Baden-Württembergs werden 4,14 Mrd. € ausgegeben, davon für

Sport und Fitness 1,62 Mrd. €
Gesundheitstourismus 2,35 Mrd. €
Erwachsenenbildung 71 Mio. €
Diätetische Lebensmittel 96 Mio. €

Durchschnittlich wird im Südwesten mehr als im übrigen Bundesgebiet für Prävention und Gesundheitsförderung ausgegeben.

Gesundheitseffekte

Die Erfolge der Prävention insgesamt sind beachtlich. Viele Infektionskrankheiten wurden in den letzten hundert Jahren nahezu ausgerottet. Allerdings treten nun chronische Erkrankungen immer stärker in den Vordergrund. Ferner bringen Tourismus und Migration neue oder bereits ausgerottet geglaubte Krankheiten wieder zurück. Zudem gibt es Risikofaktoren, die man nicht außer Acht lassen sollte. Rund jeder Fünfte ist heute bereits übergewichtig. Zurücklehnen und abwarten ist somit in der Prävention sicherlich nicht der richtige Weg.

Wertschöpfungseffekte

Gesundheitsförderung und Prävention „rechnen“ sich. Sie erhöhen nicht nur die Lebensqualität, sondern bringen zusätzliche Lebensjahre sowie steigern die Produktivität durch weniger Krankheit, Invalidität und Tod. Den Kosten der Präventionsmaßnahmen stehen über die wirtschaftliche Verflechtung und den Einkommenskreislauf ferner indirekte und induzierte Wertschöpfungsgewinne für die Region und das ganze Land gegenüber. Vor allem Maßnahmen im Bereich der Primärprävention weisen nicht nur relativ geringe Kosten, sondern auch hohe Präventionsrenditen auf. Präventionsleistungen erzeugen gleichzeitig immer Wertschöpfungseffekte. Ihre Durchführung nur unter dem Gesichtspunkt von Kosteneinsparungen zu sehen, wäre deswegen falsch. Früherkennung und Rehabilitation sind zwar oft mit zusätzlichen Kosten verbunden, aber darüber hinaus auch mit Wertschöpfung, Produktivität, Wohlstand und Lebensqualität.

Steigerung des Gesundheitsvermögens

Die Verbesserung der Gesundheit schlägt sich im Gesundheitsvermögen nieder, das demografische und epidemiologische Daten zur Krankheitslast in einer Maßzahl für die gesamte Bevölkerung zusammenfasst. Rechnerisch entspricht das Gesundheitsvermögen der Summe der erwarteten Lebensjahre der Bevölkerung, bereinigt um Einschränkungen durch Krankheit, Invalidität und Pflegebedürftigkeit. Es berücksichtigt damit Unterschiede in der Struktur der Bevölkerung. Generell finden darin junge und arbeitsfähige Menschen ein größeres Gewicht als ältere Menschen.

In Baden-Württemberg trägt die Prävention und Gesundheitsförderung zur Sicherstellung der Gesundheit der knapp 6 Mio. Erwerbstätigen bei. Zusätzlich konnten im Vergleich zum Jahr 2002 182 Tsd. Erwerbstätigenjahre gewonnen werden. Letzteres ist mehr als die Arbeitskraft der Kreise Aalen oder Ravensburg.

Ausblick

Die regionalen Unterschiede im Gesundheitsvermögen sind beachtlich. Präventionsanstrengungen und Gesundheitsvermögen können in einem Gesundheitsatlas zusammengefasst werden. Für Baden-Württemberg kann ein enger Zusammenhang zwischen dem Gesundheitsvermögen der Erwerbstätigen und der Wirtschaftskraft gezeigt werden: Regionen mit höherem Vermögen haben ein höheres Wirtschaftswachstum.

Referenz

[1] Schneider, M., Hofmann, U., Köse, A., Krauss, T., Brecht, J. G. (2015), Die Bedeutung der Prävention und Gesundheitsförderung für die wirtschaftliche Entwicklung Baden-Württembergs – Eine Argumentationshilfe auf Landes- und Kreisebene –, Studie gefördert vom Ministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie, Frauen und Senioren und der Robert Bosch Stiftung, BASYS, Augsburg.


Autor
Markus Schneider

Die vollständige Studie wurde auf der Internetseite "Gesundheitsdialog Baden-Württemberg" veröffentlicht und kann unter diesem Link heruntergeladen werden.
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