Die Pharmazeutische Industrie in Bayern

The Pharmaceutical Industry in Bavaria

Die pharmazeutische Industrie ist ein zentraler Bestandteil der deutschen Hochtechnologie. Forschende Arzneimittelhersteller nehmen dabei eine führende Rolle ein. Mit rund 24.000 Beschäftigten ist Bayern einer der wertvollsten deutschen Pharmastandorte. Eine Herausforderung ist allerdings die Kostendämpfung durch die Gesundheitsreformgesetze der letzten dreieinhalb Jahre. Die Studie untersucht deren wirtschaftlichen Auswirkungen mittels eines Satellitenkontos der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen (VGR) im Auftrag bayerischer Pharmaunternehmen. The pharmaceutical industry of Bavaria is a central factor of the German high-technology economy. Research-based pharmaceutical companies are taking a leading role. With 24,000 employees Bavaria’s pharma industry evolved to one of the most valuable locations of production and research in Germany. Challenging is the cost-containment by the health care reform laws of the last three-and-a-half years. The study, commissioned by Bavarian pharmaceutical companies, investigates their economic impacts via a Satellite Account of the System of National Accounts (SNA).

Einleitung

Mit dieser Studie erfolgt zum ersten Mal eine faktenbasierte Einordnung der Pharmazeutischen Industrie Bayerns als Teil der bayerischen Wirtschaft. Dabei werden ihr Beitrag zur Wertschöpfung quantifiziert, ihre Innovationskraft untersucht und die Auswirkungen der letzten Gesundheitsreformgesetze auf Bayern und darüber hinaus auf ganz Deutschland analysiert und bewertet.

Dazu gehören Daten zur gesamtwirtschaftlichen Entwicklung der pharmazeutischen Produktion, aber auch zum Außenhandel, zur Anzahl der Beschäftigten, zur Preisentwicklung, sowie eine Quantifizierung des volkswirtschaftlichen Nutzens/Schadens der auf dreieinhalb Jahre angelegten staatlichen Preisabschläge für innovative Arzneimittel.

Folgende Fragestellungen stehen dabei im Vordergrund:

Gesundheitswirtschaft

Wie stellen sich Struktur und Entwicklung der Pharmazeutischen Industrie in Bayern als Teil der Gesundheitswirtschaft und der Gesamtwirtschaft dar?

Anhand von zentralen volkswirtschaftlichen Kenngrößen, wie Produktion, Beschäftigung, Wertschöpfung und Außenhandel wird eine wirtschaftspolitische Einordnung möglich und die Besonderheiten Bayerns im gesamtdeutschen, aber auch regionalen Vergleich sichtbar. Wegen der hohen und weiter zunehmenden Wirtschaftsleistung Bayerns liegt der Anteil der Gesundheits- und der Arzneimittelausgaben am bayerischen BIP unter dem Bundesdurchschnitt.

Die Pharmazeutische Industrie in Bayern wächst. Die Beschäftigungszahlen und Anlageinvestitionen nahmen im Gegensatz zum Bund zu. Dennoch sind Produktions-, Wertschöpfungs- und Beschäftigungsanteile, gemessen am Bevölkerungsanteil, noch nicht ausgeschöpft. Die Pharmazeutische Industrie Bayerns hat bei Umsatzzuwächsen überdurchschnittlich von der Weltmarktentwicklung profitiert. So lag ihr Exportwachstum bei Arzneimitteln über dem Bundesdurchschnitt, was zu einem beachtlichen Ausfuhrüberschuss führt. Da die Nachfrage nach pharmazeutischen und medizintechnischen Produkten auf dem Weltmarkt steigt, bietet sich hier weiteres Wachstumspotential.

Forschung

Wie unterscheiden sich die Aufwendungen für Forschung und Entwicklung sowie Innovationen für die bayerische Gesundheitswirtschaft von denjenigen Deutschlands?

Forschung und Innovationen sind der Schlüssel für die internationale Wettbewerbsfähigkeit. Die pharmazeutischen Unternehmen sind die bedeutendsten Finanzierer von FuE in der Gesundheitswirtschaft. Im Gegensatz zur öffentlichen Hand hat die Pharmazeutische Industrie insgesamt trotz Finanz- und Wirtschaftskrise weiter investiert und den Forschungssektor stabilisiert.

Rund ein Fünftel der Forschung Deutschlands erfolgt in Bayern. Dies gilt allerdings nicht in gleichem Maße für die medizinische Forschung der Pharmazeutischen Industrie. Bayern verfügt aufgrund seiner exzellenten Unikliniken und der breiten naturwissenschaftlichen Kapazitäten über das Potential, diese Forschung weiter auszubauen.

Staatliche Preiseingriffe

Welche volkswirtschaftlichen Auswirkungen haben die Kostendämpfungsgesetze auf die bayerische Gesundheitswirtschaft und die bayerische Arzneimittelforschung?

Unter dem Einfluss der verschiedenen Kostendämpfungsgesetze, insbesondere des erhöhten Zwangsrabatts und des Preismoratoriums, hat die Pharmazeutische Industrie im deutschen »Wachstumsmarkt Gesundheit« an »Boden verloren«. Die Kostendämpfung erschwert Investitionen in die Entwicklung von Innovationen, besonders in Unternehmen mit hohem Inlandsumsatz. Hiervon ist Bayern besonders betroffen, da der Inlandsumsatz in Bayern im Vergleich zum Bundesdurchschnitt deutlich erhöht ist.

Obwohl die Beschäftigtenzahlen in der Pharmazeutischen Industrie in Bayern trotz Wirtschaftskrise und Kostendämpfungsgesetzen anstiegen, fiel der Zuwachs deutlich geringer aus als geplant. Die Stagnation in der inländischen Umsatzentwicklung, verbunden mit den Auswirkungen der Kostendämpfung auf den Cash-Flow, haben Forschungs- und Entwicklungsausgaben nachhaltig gebremst.

Die multiplikativen negativen Auswirkungen der Kostensenkung auf die Volkswirtschaft übertreffen langfristig die Einsparungen des Zeitraums 2010 bis 2013 in Höhe von 5,6 Mrd. € für Deutschland (über Sockel) und 801 Mio. € allein für Bayern. Die negativen Beschäftigungseffekte wirken sich gesamtwirtschaftlich auf ca. 99.400 Arbeitsplätze in Deutschland und auf 15.700 Arbeitsplätze in Bayern aus. Anders ausgedrückt, ohne die gesetzlichen Abschläge hätten den Unternehmen zusätzlich rund 800 Mio. € für Investitionen in Forschung und Entwicklung und zur Expansion zur Verfügung gestanden.

Berücksichtigt man die direkten und indirekten Wertschöpfungseffekte, ergibt sich aus der Summe von 800 Mio. € eine Wachstumsminderung von 1,009 Mrd. €. Bezogen auf die zusätzliche Belastung von 800 Mio. € errechnet sich für Bayern ein direkter und indirekter Effekt, der einer Anzahl von rund 6.700 Beschäftigten entspricht. Darüber hinaus induzieren negative Wertschöpfungseffekte auch negative fiskalische Effekte.

Da die Zielmärkte der Pharmazeutischen Industrie in Bayern stärker im Inland als im Ausland liegen, treffen Rabatte und Preismoratorium die bayerische Industrie überdurchschnittlich. Bezieht man zum Beispiel die Belastung der Unternehmen auf die Bruttowertschöpfung, erhält man eine ca. 30 Prozent höhere Belastung der Unternehmen als in anderen Bundesländern.

Erschwerend kommt hinzu, dass als Folge der bundesweiten solidarischen Finanzierung der GKV in erheblichem Umfang Mittel aus Bayern abfließen, da in Bayern mehr in die Krankenversicherung einbezahlt wird, als Leistungen ausgeschüttet werden.

Fazit

Mit Zwangsabschlägen und Preismoratorien in die Preisgestaltung patentgeschützter Arzneimittel einzugreifen, hat das Sozialsystem nur scheinbar entlastet (Überschuss von rund 28 Mrd. € in der GKV). Der Volkswirtschaft Deutschlands haben diese Maßnahmen nachhaltig geschadet.

Insgesamt müssen die Effekte aus den unterlassenen FuE-Aufwendungen und Anlageinvestitionen auf über 5 Mrd. € angesetzt werden. Hiermit ist eine Chance für den weiteren Ausbau des Forschungs- und Produktionsstandorts Deutschlands und Bayerns vergeben worden.

Um im weltweiten Wettbewerb der Hightech-Produkte zu bestehen, sind steigende Investitionen in Forschung und Entwicklung der Pharmazeutischen Industrie am Forschungsstandort Deutschland erforderlich und eine Verbesserung der Rahmenbedingungen notwendig.

Damit die Pharmazeutische Industrie am Standort Bayern von der steigenden Nachfrage für pharmazeutische Produkte auf dem Weltmarkt besser profitieren kann, sind grundsätzliche Weichenstellungen, wie eine ressort- und branchenübergreifende Gesundheitswirtschaftsstrategie in Bayern und auf nationaler Ebene erforderlich.

Referenz

Schneider, M., (2013), Die gesundheitswirtschaftliche Bedeutung der Pharmazeutischen Industrie in Bayern, Gutachten für eine zukunftsorientierte Standortpolitik, BASYS: Augsburg.


Autor
Markus Schneider

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